
Viele verbinden mit Machbarkeitsstudien etwas sehr Theoretisches. Was passiert dabei wirklich, und warum sind sie so entscheidend für den Ausbau des Schienenverkehrs im Rheinischen Revier?
Tanja: Für uns ist eine Machbarkeitsstudie, häufig ergänzt durch eine Nutzen-Kosten-Untersuchung, so etwas wie ein Reality-Check am Anfang eines Projekts. In der Studie wird untersucht, ob ein Schienenprojekt technisch umsetzbar, betrieblich sinnvoll und auch finanzierbar ist, bevor wir eine detaillierte Planung beauftragen und damit erhebliche Ressourcen binden.
Am Ende liefert uns jede Studie eine fundierte Entscheidungsgrundlage: Ist die Schiene an dieser Stelle das richtige System oder können die Kommunen die Mobilität vor Ort zum Beispiel mit einem gut aufgestellten Busangebot effizienter gestalten?
Bianca: Gerade im Rheinischen Revier verfolgen wir das Ziel, ein starkes Rückgrat der Mobilität aufzubauen. Unsere Machbarkeitsstudien sind für uns dabei der erste wichtige Meilenstein für die Ausgestaltung eines sinnvollen Netzes. Sie geben uns nicht nur wertvolle Informationen, sondern schaffen auch die Grundlage, um gemeinsam mit Fördergebern auf Landes- und Bundesebene über eine mögliche Finanzierung zu sprechen. Nach der gesicherten Finanzierung können die nächsten Schritte in Richtung Planung weiterverfolgt werden.
Die Machbarkeitsstudien im Rheinischen Revier stehen im Spannungsfeld zwischen regionalen Entwicklungsinteressen und bundesweit einheitlichen Förderkriterien. Wo stoßt ihr dabei aktuell an Grenzen – und wie geht ihr damit um?
Tanja: Dieses Spannungsfeld prägt unsere Arbeit sehr stark. Einerseits sollen unsere Machbarkeitsstudien zukunftsweisende Projekte berücksichtigen sowie regionale Potenziale aufgreifen, andererseits gelten standardisierte Bewertungsverfahren, die bundesweit einheitlich angewendet werden und nur formell gesicherte Planungen wie z.B. rechtskräftige Bebauungspläne akzeptieren.
Bianca: Am Beispiel der Revierbahn West zeigt sich diese Herausforderung besonders deutlich: Kommunen denken bereits heute an neue Gewerbegebiete oder touristische Angebote. Solche Entwicklungen sind jedoch häufig noch nicht konkret ausgeplant und können deshalb nicht in der Standardisierten Bewertung des Bundes berücksichtigt werden, obwohl sie für die Zukunftsfähigkeit des Projekts relevant sind.
Um die Entwicklungspotenziale positiv in Machbarkeitsstudien berücksichtigen zu können, wollen wir gerne mit weiteren Partnern aus dem Rheinischen Revier auf den Bund zugehen.
Warum habt ihr euch im Rahmen des Rheinischen Reviers für Co-Leadership entschieden und wie wirkt sich Eure geteilte Verantwortung auf die Arbeit aus?
Bianca: Seit Beginn der Machbarkeitsstudien im Rheinischen Revier arbeiten wir bewusst im Co‑Leadership und mit einer klaren Rollenverteilung: Tanja ist mit ihren Erfahrungen im Rahmen der Machbarkeitsstudien unsere „Innenministerin“ und sorgt dafür, dass Inhalte und Qualität stimmen. Ich übernehme als „Außenministerin“ vor allem die Kommunikation mit Stakeholdern und Politik.
Gerade in komplexen Projekten ergänzt sich das sehr gut. Wir können Themen gemeinsam durchdenken und gleichzeitig unsere jeweiligen Stärken gezielt einbringen. Für das Team bedeutet das Verlässlichkeit, weil immer eine von uns ansprechbar ist.
Tanja: Für uns persönlich ist die Zusammenarbeit vor allem entlastend: Wir vertreten uns selbstverständlich gegenseitig und wissen, dass die andere jederzeit übernehmen kann. Das schafft Vertrauen und Flexibilität.
Grundlage dafür sind eine enge Abstimmung, offene wie vertrauensvolle Kommunikation und der klare Wille, Verantwortung wirklich zu teilen.